Expeditionsbericht Tien Schan
8.8. - 6.9.1999

Teil 3

21.8.99

Ab heute leben wir wieder nach kasachischer Zeit, da wir in einem kasachischen Lager wohnen und es zur Abstimmung mit den anderen praktischer ist. Das hat aber auch den Nachteil, daß die Sonne erst ab 1000h auf die Zelte scheint ...

Wir schlafen heute lange und stehen gegen 930h auf. Diese Nacht war zwar kälter, aber trockener und insgesamt angenehmer als die letzte. Höhenprobleme scheint keiner zu haben. An diesem Morgen steht keine Wolke am Himmel - ideales Fotowetter. Eigentlich wollte Marat heute mit dem Hubschrauber kommen, aber er wird nicht gesichtet.

Im Laufe des Tages packen wir unsere Rucksäcke für eine Akklimatisationstour. Wir wollen/sollen die russische Methode anwenden: Hoch zum Khan-Tengri-Sattel (5900 m), dort eine Nacht schlafen und dann wieder runter. Es geht heute noch los. Wir wollen zum Lager 1 ("Stojanka Schubina") laufen, das etwa 200 m höher als das Basislager und zwei Wegstunden entfernt liegt. Dieses Lager ermöglicht vor allem einen frühen Start, um den "Flaschenhals" auf dem Semjonowski-Gletscher vor Sonnenaufgang passieren zu können. Danach können vom Pik Tschapajew Lawinen und Steinschlag über die Aufstiegsspur abgehen. Etwa 1600h gehen wir, die acht Gipfelanwärter und Kolja, los und bauen unsere Zelte oben neben vielen anderen auf. Die Tschechen aus dem Hubschrauber sind auch da. Die verlorene Isomatte bei ihnen hatte sich angefunden, wenn auch erst heute. In der Nacht arbeitet der Gletscher ständig - unterm Zelt knackt es lautstark.

22.8.99

Morgens um 300h ist die Nacht schon wieder zu Ende. Der Himmel ist klar, aber es ist kalt. Wir werfen die Kocher an und machen etwas Frühstück mit Tütensuppe und Nudeln. Dann geht es im Schein der Stirnlampen über Moränen auf den Semjonowski-Gletscher, der sich direkt vom Sattel runterzieht. Die Batterien meiner Lampe pfeifen aus dem letzten Loch, und so halte ich mich an das Licht der anderen. Bald seilen wir uns an - und ich kann die Batterien wechseln. Kolja, Gunther und ich bilden eine Seilschaft bis es Kolja zu langsam wird und er sich ausklinkt. Er läuft voraus und ist bald außer Sichtweite. Inzwischen ist es hell geworden. Der ausgedehnte Lawinenkegel, auf dem wir uns bewegen, zeigt an, daß wir uns in der Gefahrenzone bewegen. Kurz vor unserer Ankunft war hier eine Riesenlawine abgegangen und hatte alle Spalten zugeschüttet, allerdings auch einen Freund von Kolja unter sich begraben. Bei uns bleibt aber alles ruhig. Wir sind jetzt nur noch sieben Leute, denn Jana geht es nicht gut, und sie ist mit Tovo umgekehrt.

Unterwegs sehen wir auch die Zelte vom Lager 2 stehen, aber so richtig ungefährlich ist es nirgends, und so geht es ohne Pause weiter. Nach dem Flaschenhals kommt ein Gletscherbruch, bei dem es teilweise unter einer Steilwand durchgeht, wo frisch runtergefallene Steine aller Größen zur Eile mahnen. Weiter oben führt der Weg über flacheres, aber monotones Gletschergelände. Gunther und ich werden immer langsamer - die andere Seilschaft hat uns schon überholt.

Die stark vergletscherte Scheitelhöhe des Rückens, aus dem die Pyramide sich erhebt, schätze ich auf 400 bis 500 m über meinem Standpunkte am Gletscher. An der Westbasis der Pyramide ist in dem Rücken ein von Firneis erfüllter Sattel eingetieft, aus dem ein zwar steiler, jedoch anscheinend gangbarer Gletscher zum Hauptgletscher herabfließt. Der Sattel dürfte ohne größere Schwierigkeit erreichbar sein. Die absolute Höhe der Pyramide über dem Sattel kann auf 2100 m angenommen werden; ihr Südgrat und die Südwand sind unangreifbar.

Merzbacher überschätzt hier die Höhe der Gipfelpyramide um etwa 1000 m, und natürlich gibt es inzwischen auch Routen von Süden - z.B. den berühmten "Marmorgrat" oder "Marble Rib". Wolodja, unser Bergführer aus dem Transili Alatau, hatte ihn mal zusammen mit Anatoli Bukrejew (siehe Jon Krakauer, "In eisige Höhen") als Teil einer Überschreitung gemacht.

Zuletzt scheint es nur noch ein Stück flaches Gelände bis zu den Schneehöhlen vom Lager 3 zu sein. Erst der Blick von oben zeigt, wie steil es eigentlich hochgeht. Dazu kommt, daß der Schnee inzwischen aufgeweicht ist, da seit dem späten Vormittag die Sonne in das Hochtal scheint. Zum Schluß bewege ich mich nur noch in 10m-Etappen. Insgesamt sind es bis zu Paß in 5900 m Höhe 1500 Höhenmeter vom Lager 1, 1000 m mehr als Merzbacher vermutete.

Oben im Lager einige Meter unterhalb des eigentlichen Passes finden wir auch Kolja wieder. Das Lager liegt komplett in Schneehöhlen unter gewaltigen Wächten. Wir beziehen die Höhlen des Armeesportklubs, die Kolja, der selbst Mitglied ist, für uns reserviert hat. Zur Paßhöhe führt das erste Fixseil. Dann steigt der 1100 m hohe Westgrat des Khan Tengri wie eine Wand empor. Da wollen wir also hoch!?

Etwas vertrauenserweckender sieht der felsige, mehrfach gebogene Südwestgrat aus.

Das ist unser Grat - o.k., die Perspektive wird täuschen.

Wir ruhen uns aus und lassen die Kocher arbeiten. Ohne speziellen Kocherstand ist das Kochen im Schnee etwas schwierig. Ich stelle meinen Benzinkocher auf die Steigeisen, aber auch so sinkt er mit der Zeit ein. Das Schneeschmelzen ist wie immer eine langwierige Angelegenheit. Axels neuer DragonFly-Kocher funktioniert lange hervorragend, bis er zu weit einsinkt und dadurch keine Luft mehr bekommt oder/und dem einheimischen Benzin seinen Tribut zollen muß, was zu verrußten Töpfen führt.

Kolja war bald nach unserer Ankunft im Lager in Richtung Khan Tengri verschwunden. Er steigt bis 6500 m und dreht dann um. Nach seiner Rückkehr verschwindet er bald im Schlafsack. Wir essen noch etwas Abendbrot und tun dasselbe. Gunther schläft in seinem Gore-Tex-Biwaksack draußen, was aber bei der relativ warmen Nacht (-7°C) kein Problem darstellt. Die Höhe macht sich mit leichten Kopfschmerzen bemerkbar, die ich mit einer Aspirin bekämpfe. Ansonsten liege ich die halbe Nacht wach, da ich im Schlaf immer Atemaussetzer habe. In der zweiten Nachthälfte scheint sich das zu geben, denn ich schlafe bis zum Weckerklingeln durch.

23.8.99

Der Wecker "klingelt" um 500h, da wir ja wieder durch den "Flaschenhals" müssen. Ohne großes Frühstück geht es um 615h los, und zwei Stunden später sind wir schon unten. Im Lager 1, wo die Zelte noch stehen, warten Jana und Tovo, die schon den Kocher angeworfen haben. Wir trinken Tee und packen die Zelte zusammen. Unter meinem Zelt hat die Sonne ein Negativ des Zeltumrisses in den Gletscher gebrannt. Michaela und Thomas bekommen ihre ins Eis gerammten Zeltheringe nur mit dem Eispickel wieder raus. Der Weg ins Basislager führt wieder diagonal über den Südlichen Inyltschek-Gletscher und sehr ermüdend über den Moränenschutt. Im Lager erwartet uns Shenja mit Kompott (gut gekühlt), und bald gibt es Mittagessen.

Carol und Robert fehlen noch. Sie, die Trekking-Gruppe, waren nicht mit am Sattel, sondern hatten sich auf unsere Empfehlung hin zum Pik Pesni Abaja aufgemacht. Sie sollten aber eigentlich schon gestern Abend wieder da sein. Am Nachmittag erscheinen sie dann - sie hatten sich etwas mehr Zeit genommen. Den Gipfel haben sie fast erreicht - einen 50m langen überwächteten Gratabschnitt hatten sie sich geschenkt. Beim Abstieg mußten sie einer Geröllawine davonlaufen.

Das Abendbrot von Shenja ist diesmal besonders lecker: Es gibt Würstchensalat und "Sparsh" (?) - ein unbekanntes Gemüse (aber kein Spargel). Dann weihen wir noch die frisch eingeflogenen Petroleumlampen ein, die aber mit dem etwas leichteren Kerosin (vom Hubschrauber) betrieben werden, was die Flamme manchmal außer Kontrolle geraten läßt.

24.8.99

Heute ist Ruhetag. Erst einmal wird ausgeschlafen, und gegen 1100h gibt es Frühstück. Das Wetter scheint sich zu verschlechtern - es zieht Bewölkung auf. Schon gestern gab es teilweise dramatisch aussehende Wolken, aber es passierte nichts. Auch heute fängt es weder an zu schneien, noch ändert sich der Luftdruck. Vor dem Mittagessen putzen wir unsere Kocher und füllen die Benzinflaschen nach - Kolja hat im Lager einen Kanister besorgt. Dann experimentieren wir mit der Fixseiltechnik, die wir oben am Khan Tengri brauchen werden. Das Problem ist vor allem der Abstieg an den Seilen. Kolja und Anatoli, ein Bergführer, der schon mal mit Gunther am Pik Talgar unterwegs war, geben uns einige Tips. Am schnellsten soll immer noch das Abseilen mittels Schultersicherung gehen - voll im Seil hängt man nur selten. Ansonsten ist es schon so eine Sache, Knoten mit dicken Handschuhen zu knüpfen.

Dann kommen Christian und Hans (aus Dresden bzw. Halle) vorbei, die auch den Khan Tengri bestiegen haben. Vorher waren sie in sechs Tagen den Gletscher hochgelaufen. Zum ersten Mal waren wir uns im Lager 3 am Sattel begegnet. Während wir uns unterhalten wird zum Mittagessen gerufen. Die beiden werden mit eingeladen und bekommen die erste frische Mahlzeit seit langem.

Das Wetter verschlechtert sich, wenn auch ohne direkte Folgen. Einen Khan-Tengri-Versuch werden wir ohnehin erst morgen beginnen. Jana, Tovo und Heimo, die statt der Khan-Tengri-Besteigung andere Touren unternehmen wollen, starten heute aber auch nicht. Gegen Abend reißt es etwas auf, und die Sonne läßt sich wieder blicken. Shenja schneidet sich in den Finger, und so müssen wir ihr beim Abendbrot helfen. Es gibt Mantis (eine Art Pelmeni, Teigtaschen), die von Tovo, Christian und Hans geformt werden. Ich öffne noch ein paar Büchsen, dann reparieren wir die Petroleumlampe, deren Docht gestern beim Löschen versenkt wurde. Nachdem wir das Puzzle des Auseinandernehmens gelöst hatten, können wir auch den Docht wieder hochschieben. Die Mantis brauchen zum Garwerden ziemlich lange, so daß es im Küchenzelt spät wird, bevor wir schlafen gehen.

25.8.99

Der Luftdruck ist zwar etwas gefallen, aber das Wetter hat sich verbessert. Morgens habe ich 0°C im Zelt. Heute soll es also mit der Khan-Tengri-Besteigung losgehen. Da zunächst wieder nur der Marsch ins zwei Stunden entfernte Lager 1 ansteht, lassen wir es ruhig angehen. Carol, Robert, Jana und Tovo haben andere Pläne. Sie wollen den Inyltschek-Gletscher aufwärts gehen und sich am Pik Otkyitij oder am Pik Edelweiß versuchen. Sie marschieren auch früher ab als wir. Heimo geht es nicht gut, und er bleibt vorerst im Lager. Shenja schießt zum Abschied noch ein Gruppenfoto. Wir marschieren nach einem späten Mittagessen los und beziehen unser Lager kurz bevor die Sonne hinter dem Berg verschwindet. Kolja will uns einen Tag später folgen und den Khan Tengri direkt von unten besteigen.

Im Lager 1 herrscht die übliche naßkalte Atmosphäre - ohne Sonne ist natürlich alles schnell gefroren. Gunther und Axel erkunden noch den Weg über die Moräne auf den Semjonowski-Gletscher, damit wir ihn morgen früh im Dunkels finden. Nach Einbruch der Dunkelheit beobachten wir einen phantastischen Mondaufgang.

26.8.99

Wie das erste Mal ist gegen 300h Wecken und kurz nach 400h Abmarsch. Angeseilt geht es den Gletscher hoch. Es läuft besser als vor vier Tagen. Die vier Tschechen steigen auch auf, wobei uns zwei überholen und zwei ein gutes Stück zurückbleiben. Etwa eine Stunde nach Passieren der Gefahrenzone geht eine Eislawine ab, die den letzten beiden Tschechen wohl bedrohlich nahe kommt.

Gegen 1100h erreichen wir das Lager unterm Paß. Außer uns sind nur noch die Tschechen da. Zusammen werden wir morgen wahrscheinlich den letzten Gipfelsturm in dieser Saison beginnen. In den letzten Tagen hat es hier etwas geschneit. Wir kochen Tee, während Axel den etwa 20 m hohen Anstieg durch den Steilfirn zum eigentlichen Paß erkundet. Das Fixseil ist im Firn eingefroren, so daß zur Sicherung nur eine Art dickerer Wäscheleine zur Verfügung steht. Die Steigklemme hält aber trotzdem. Zum Abend hin verschlechtert sich das Wetter wieder, und es schneit leicht. Insgesamt ist die Wolkendecke aber durchbrochen, und der Luftdruck bleibt konstant.

27.8.99

Frühmorgens um 500h sind es in der Schneehöhle -5°C - später am Grat -15°C. Der Himmel ist klar. Wir (Axel, Gunther und ich) machen uns fertig für den Khan Tengri. Michaela und Thomas haben andere Pläne. Da Gunther und ich noch Tee kochen, ist Axel früher fertig und geht 545h los. Gunther und ich starten etwa eine Dreiviertelstunde später.

Zuerst geht es die 20-30 m zum Paß hoch. Wir sichern uns mit der Steigklemme an der Wäscheleine und klettern ansonsten mit Pickel und den Frontalzacken der Steigeisen. Dann folgt mehr oder weniger steiles Gehgelände, das etwas heikel werden kann, wenn es unter der Nachmittagssonne auftaut. Bei einem abendlichen Abstieg sollte es wieder gehen. Danach kommen die ersten Fixseilpassagen. Zwischendurch klettere ich ziemlich heikel über eine Ecke und sehe danach an Fußspuren, daß es eine Umgehungsvariante geben muß. In etwa 6200 m gehen die durchgehenden Fixseile los, und es wird steiler. Streckenweise muß man ernsthaft klettern, was mit Steigeisen nicht immer ganz einfach ist. Es sind aber immer nur Felsstufen die sich mit Firngelände abwechseln. Es ist wohl etwas leichter als Merzbacher befürchtet hatte - allerdings gab es damals auch noch keine Fixseile:

Wenn ich hervorhebe, daß die ungeheure Pyramide nahezu gänzlich aus marmorisiertem Kalk besteht, bekanntlich derjenige Felsart, welche dem Kletterer die größten Schwierigkeiten bereitet und dazu bemerke, daß überdies die Schichtköpfe stellenweise dachziegelartig aufeinander liegen, so kann sich der erfahrene Alpinist selbst ein Bild von den ihn bei einem Ersteigungsversuch erwartenden Schwierigkeiten machen. ... Dennoch bietet der Weg über diesen (Grat - M.G.) immer noch mehr Gewähr für die Erreichung des Gipfels, als jede andere Anstiegsrichtung.

Das stimmt, denn über den Westgrat erfolgte 1931 auch die Erstbesteigung durch eine ukrainische Gruppe unter M. Pogrebetski.

Die Qualität der Fixseile ist auch sehr unterschiedlich: von neuwertig bis mantellos und mit vielen Knoten. Zusammen mit Gunther steige ich bis etwa 6600 m bevor es bei mir nur noch langsam vorangeht. Ich entschließe mich umzudrehen, da der Abstieg auch noch mal kraftintensiv ist. Die anderen (Axel, Gunther und ein Tscheche) steigen weiter. Beim Abstieg treffe ich Kolja, der ja von ganz unten gestartet ist. Er berichtet, daß es Heimo besser geht und er Tovo und den anderen unten auf dem Inyltschek folgen will. Weiter unten sitzen zwei Tschechen, die sich offenbar eine zweifelhafte Fixseilpassage nicht runter trauen. Ich untersuche kurz eine Umgehungsvariante, die aber gefährlich aussieht. Also steigen wir doch an den Fixseilen runter. Dann bin ich etwas schneller als die beiden und gehe allein weiter. Unter mir sehe ich noch Thomas absteigen, der mal kurz den Grat erkunden war.

Bei gut erhaltenen und nicht zu straff gespannten Seilen kann man den Abseilachter gut einsetzen. In der Regel funktioniert es aber auch über Schultersicherung mit ins Seil eingehängtem Karabiner. Da die Sonne auf den Grat scheint (ab ca. 1200h) kann man zum Hantieren sogar die Handschuhe ausziehen. Nach etwa 4 Stunden Abstieg bin ich wieder an den Schneehöhlen, wobei ich mir aber Zeit genommen habe. Trotzdem bin ich ziemlich erschöpft. Michaela und Thomas unternehmen noch einen Versuch am Pik Tschapajew auf der anderen Seite vom Khan Tengri - vom Paß aus westwärts.

Gegen 1600h sehe ich vermutlich vier Leute auf dem Gipfelschneefeld, kann aber nicht erkennen, ob sie sich im Auf- oder Abstieg befinden. Eigentlich hatten wir 1400h als spätesten Rückkehrzeitpunkt verabredet. Axel hat den Gipfel dann 1430h als erster erreicht und eine Stunde später mit dem Abstieg begonnen. Später beginnen Wolken aufzuziehen, und es schneit zeitweise leicht. Der Luftdruck bleibt zwar weiterhin konstant, aber die Wolkendecke wirkt geschlossener als gestern Abend. Dafür hört das Tropfen in den Schneehöhlen langsam auf, das die Schlafsäcke gewässert hatte.

Gegen 2000h erwarte ich die ersten Rückkehrer. Michaela und Thomas sind schon da - sie haben es auf den Tschapajew-Nordgipfel geschafft. Um 1900h kommt dann Axel vom Grat runter. Er wirkt noch recht frisch. Er hat auch am Gipfel seinen Höhenmesser kalibriert. Danach liegt das Lager 3 auf 5900 m, das Lager 1 am Beginn vom Semjonowski-Gletscher auf 4450 m und das Basislager auf 4250 m. Als nächstes kommt der Tscheche, der eine Weile hinter Gunther gestiegen war. Er ist 50 m unterm Gipfel umgekehrt. Nach 2000h erscheint als dritter Kolja aus dem Nebel. Er schimpft auf Gunther, der im Abstieg zu langsam sei und zu umständlich sichere. Kurz vor 2100h ertönt dann ein Ruf von Gunther aus dem Nebel: "Hallo! Den oberen oder den unteren Weg?" Der obere ist richtig, denn der andere führt zu einer Höhle auf Paßhöhe. Die Verständigung klappt, und bald ist auch der letzte Gipfelstürmer wieder da - es hat schon begonnen, dunkel zu werden. Gunther war am obersten Fixseil auf dem Gipfelschneefeld noch gestürzt. Das Seil hat ihn dann noch gehalten, da er sich darin eingewickelt hatte.

Das Wetter hat sich im Gegensatz zu gestern nicht verbessert. Es schneit weiter, wenn auch nicht stark.

28.8.99

Wir stehen wieder um 500h auf. Gunther hat, wie schon die letzte Nacht, draußen in seinem GoreTex-Biwaksack geschlafen. Es schneit immer noch. Insgesamt hat es etwa 10 cm Neuschnee gegeben. Die Lawinengefahr sollte sich in Grenzen halten. Allerdings gibt es noch den Stein- und Eisschlag - immerhin ist es nicht sehr kalt. Die Spur ist größtenteils auch weg. Wir steigen angeseilt ab, wobei Kolja immer wieder mäandrierend den Weg sucht - wo man am wenigsten einsinkt. Wenn es mal rumpelt gucken wir besorgt nach oben in die Wolken. Ansonsten versucht uns Kolja so schnell wie möglich runterzuziehen. Bei mir löst sich ein Steigeisen, und ich muß es in die Hand nehmen.

Weiter unten wird die Sicht besser, und auch der Schneefall hört auf. Das letzte Stück über den großen Lawinenkegel gehen wir wieder ohne Seil - Kolja will runter. Nach dem Abbau der Zelte im Lager 1 und einer kurzen Rast laufen wir das letzte ermüdende Stück zum Basislager. Dort gibt es zunächst Shenjas Kompott und später gefüllte Paprikaschoten. Kurz vor 1700h erscheint auch die andere Gruppe. Sie haben ihre Ziele nicht erreicht. Auch der Paß nach China war entgegen Koljas Aussage durchaus spaltenreich und sooo einfach nicht machbar.

Wir essen bei schlechtem Wetter Abendbrot: Draußen fängt es an, Winter zu werden. Der Schnee bleibt liegen und bildet bis zum Morgen eine 5 cm hohe Decke.


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