16.8.99
Das war die erste Zeltnacht ohne Niederschlag. Als wir außergewöhnlich früh aufstehen (700h) ist der Himmel klar, und im Schatten herrscht noch Frost. Das Frühstück fällt erst mal aus, da zwei Flußüberquerungen anstehen. Diese sind morgens am einfachsten, wenn der Wasserstand durch das Schmelzwasser noch nicht so angestiegen ist:
In den Hochtälern des Tian-Schan bildet die Überschreitung der großen Gletscherströme immer eine Gefahr, namentlich für das Gepäck. In den Nachmittagsstunden sind diese Talströme, genährt durch die starke Abschmelzung der großen Gletscher entsetzlich wild, und es bedarf großer Umsicht und Vorsicht, um heil durch die von Felstrümmern und Blöcken gesperrten, unregelmäßig ausgespülten und pfeilschnell dahin tosenden Fluten erfüllten Rinnen zu kommen.
Die erste Durchquerung findet gleich neben dem Lager statt (Südlicher Issyk). Wolodja testet die Wassertiefen. Der Fluß verzweigt sich hier in zwei Arme. Der erste ist unkritisch, der zweite aber ziemlich tief. Wir spannen ein Seil über den Fluß - als Geländer. Es fällt so keiner rein, aber wir werden bis zur Gürtellinie naß.
Nachdem wir uns abgetrocknet und wieder angezogen haben, geht es direkt über die Almwiesen, die weiß vor Edelweiß sind, zum Hauptfluß (Schangyryk, später Tschilik). Unsere Begleiter hatten uns schon eröffnet, daß das eigentliche Problem erst noch kommt. Dazu muß zunächst eine Furt gefunden werden. An einer Almwirtschaft von Kirgisen führt der Weg direkt zum Fluß. Wolodja geht wieder zum Testen, braucht aber nicht weit zu gehen, und er steht bis zur Hüfte im Wasser. Von Sergej, dem Förster am Issyk, haben wir den Tip, daß es ein Stück flußaufwärts gehen soll. Inzwischen taucht auf der andern Seite ein Hirtenjunge auf - mit Hund aber ohne Pferd. Scheinbar können uns die Kirgisen nicht weiterhelfen.
Wir suchen also die zweite Furt und finden eine Stelle, wo sich der Fluß kurzzeitig in zwei Arme spaltet. Oberhalb dieser Stelle, wo der Fluß etwas breiter wird, schafft es Wolodja auf die andere Seite. Wir spannen wieder ein Seil, das Wolodja auf den einen und Carol und ich (und andere) auf der anderen Seite festhalten. Das hat für mich den Nachteil, daß ich erst als letzter dran bin und erst mal alle Dramen auf der falschen Seite miterleben muß, bevor ich selbst dran bin. Die Leute haben unterschiedlich viel Schwierigkeiten, aber trotz der starken Strömung fällt keiner rein. Am Seil müssen wir aber ganz schön gegenhalten. Michaela hat dann weniger Glück und wird kurz vor dem rettenden Ufer umgeworfen. Es stehen aber genügend Helfer bereit , und sie wird gleich geborgen. Ein paar Schrammen hat sie sich geholt, aber der Schlafsack hat zum Glück nicht allzuviel Nässe abgekriegt. Danach soll Shenja rüber. Das klappt aber auch nach mehreren Anläufen nicht - sie kommt immer wieder zurück. Vielleicht ist sie mit ihrem kleinen Rucksack auch einfach zu leicht. Auch Versuche vor und huckepack auf Wolodja schlagen fehl. Da die bisherigen Querungen nicht an der breitesten Stelle erfolgten, ist vielleicht auch die Strömung etwas zu stark. An der breitesten Stelle - kurz vor der Flußgabelung - schafft es Shenja dann schließlich. Dort quere ich als vorletzter - vor Wolodja, der zum Sichern noch mal rübergekommen ist. Es geht überraschend problemlos, und das Wasser ist auch gar nicht mal so tief. Es reicht nur bis zu den Oberschenkeln, wogegen die anderen bis zur Hüfte naß wurden.
Als alle drüben sind tauchen auch die kirgisischen Hirten mit Pferden auf. Sie bieten uns an, die Rucksäcke für 10 Dollar das Stück zum Kugantor-Paß (3908 m) zu bringen. Aber zunächst frühstücken wir auf einer Wiese neben der Hütten der Hirten und trocknen unsere Sachen - es ist inzwischen schon 1230h. Die Verhandlungen wegen des Rucksacktransports laufen unterdessen weiter. Vier Leute sind bereit, ihre Rucksäcke für 5 Dollar hochschaffen zu lassen, bevor es zu einer generellen Einigung kommt: Alle Rucksäcke für 3 Dollar das Stück. Dann müssen unsere 13 Rucksäcke auf die 3 Pferde verteilt werden. Jeweils zwei Gepäckstücke werden zusammengebunden und vier auf ein Pferd geladen. Die Tiere ahnen schon, was ihnen bevorsteht und zeigen sich störrisch. Zwei Pferde gelingt es schließlich zu beladen. Das dritte weigert sich beharrlich und wirft seine Last immer wieder ab, nachdem es den Betrug mit Shenjas leichtem Rucksack durchschaut hatte (es blieb halt nicht bei dem einen Rucksack...). Auch Gottfried Merzbacher hatte schon seine Probleme mit den Pferden:
In diesem Dickicht schwirrten Millionen von Bremsen, welche meinen erst von den kühlen Gebirgsweiden herabgeholten Pferden derart zusetzten, daß sie unruhig wurden und ihre Lasten verschoben. Hierdurch wurden einige von ihnen erschreckt und ergriffen die Flucht. Ehe man es sich nur versehen konnte, waren alle übrigen dem Beispiele gefolgt und in der Zeit von weniger als einer Minute waren alle zwölf Lastpferde, ihre Lasten abwerfend und dabei mit den Hinterfüßen gegen die an den Bindestricken nachschleifenden Gepäckstücke ausschlagend, nach allen Richtungen der weiten Steppe entflohen und dem Blick im hohen Grase entschwunden.
Bremsen gibt es bei uns auch. Mit zwei Pferden und den Besitzern der aufgeladenen Rucksäcke - mein Rucksack war zum Glück auf dem ruhigsten Pferd - laufen wir los. Eineinhalb Stunden später laden wir die Rucksäcke in einem Hochtal wieder ab. Vom dritten Pferd haben wir die ganze Zeit nichts gesehen. Die Kirgisen ziehen wieder ab und kommen eine Dreiviertelstunde später mit den restlichen Leuten zurück. Das dritte Pferd hat sich erfolgreich gewehrt! Einer der Kirgisen hat ein Gewehr dabei, das er Carol und Axel für Schießübungen zur Verfügung stellt. Dann werden die Hirten ausgezahlt: mit Abzug 30 Dollar für alles. Da es weiter oben kein Wasser gibt, wie eine Gruppe von Nowosibirskern erzählt, die auch hier zelten wollen, bleiben wir an Ort und Stelle und schlagen unser Lager auf.
17.8.99
In der Nacht wache ich wegen Kopfschmerzen auf. Warum sich diese entwickelt haben, weiß ich nicht. An der Höhe kann es eigentlich nicht liegen. Vielleicht ist es ein leichter Schnupfen. Kurz nach 1100h gehen wir los und nehmen die etwa 600 Höhenmeter zum Kugantor-Paß in Angriff. Bis kurz vor Ende der Moräne spiele ich den Pfadfinder. Dann verliere ich den Weg, und die anderen sind schneller. Nach einer Pause geht es auf den Gletscher. Der Neuschnee ist weich und läßt häufig den Fuß zur Seite rutschen. Gegen Ende nimmt die Steigung zu, aber die Stufen sind o.k. - getreten von den Nowosibirskern und Wolodja. Dann folgt noch etwas Geröll und eine Querung im Schnee zum eigentlichen Paßübergang.
Oben machen wir eine ausgiebige Pause - dann laufen unsere Begleiter weiter. Wir folgen etwas auseinandergezogen. Mit dem Paßübergang haben wir auch die Grenze zu Kirgistan überschritten. 300 Höhenmeter unter dem Paß treffen wir auf Marat, der uns mit vier Pferden und Reitern entgegengekommen war. Die Rucksäcke werden wieder verladen. Wir laufen vor und sind mit ein paar Leuten bald ein gutes Stück vor den Pferden, die in dem Steilgelände nicht ganz so schnell sind. Weiter unten sind auf dem etwas unangenehm steinigen Weg einige Flußüberquerungen nötig. Diese werden nach und nach komplizierter - bald hilft nur noch durchwaten. Vorher bin ich bei einer Querung zusammen mit Wolodja von einem glitschigen Baumstamm etwas kurz gesprungen und im tieferen Wasser gelandet. Die Gamaschen sind aber relativ dicht, und die Hose trocknet schnell. Das erste Pferd hat mich nun schon abgehängt. An der letzten Flußdurchquerung wird das Wasser noch mal tief. Die Frauen (außer Jana, die etwas zu spät kam) werden mit dem Pferd übergesetzt. Dann treffen wir in etwa 2300 m Höhe auf den Stützpunkt der Viehzüchter, die mit ihren Pferden unser Gepäck transportiert haben.
Bei einer Bäuerin bekommen wir Brot, Butter und Ayran (Joghurt). Das ist sehr willkommen, da wir seit dem etwas spärlichen Frühstück nichts gegessen hatten. Einige Leute waren schon vorgelaufen und mußten sich bei den teilweise nicht mehr nüchternen Kirgisen ihrer Uhren und Fotoapparate erwehren. Dort steht dann auch Marats Niva und ein Ural mit Busaufbau von "Dostuck-Trekking" (Marats Partnerfirma) in Kirgistan bereit. Das Gepäck, das beim Pferdetransport etwas Schaden genommen hatte, wird verladen. Außerdem sehen wir unser Gepäck wieder, das wir für den zentralen Tien Schan bei Marat gelassen hatten. Dann fahren wir los - auf der unbefestigten Straße lange Staubfahnen hinter uns herziehend. Nach einer mehrstündigen Fahrt in Richtung Osten - es ist inzwischen dunkel - steigen wir in einer Bungalowsiedlung am Issyk Kul ab.
Wir landen also am Ostufer des Issyk-kul-Sees, 1570 m, des größten der Tian-Schanischen Gebirgsseen, dessen Flächeninhalt den des Bodensees um etwa das sechsfache übertrifft. Der Ausdruck Gebirgssee ist für dieses Becken nur insoferne zulässig, als die herrliche, kobaltblaue Wasserfläche zwischen ringsum anstrebenden hohen Gebirgsketten eingesenkt ist.
Im Bungalow, in den außer mir noch vier Leute einziehen machen wir Abendbrot. Die meisten von uns sind ziemlich hungrig und vertrocknet. Bevor wir schlafen gehen, verarzte ich noch meinen linken kleinen Zeh, der beim Paßabstieg ziemlich gelitten hat und aufgerieben ist.
18.8.99
Wir schlafen erst mal aus - seit einer Woche mal wieder in Betten. Für 1100h kirgisischer Zeit (nur noch 4 h gegenüber MESZ) hat sich Marat angekündigt, der nach Karakol gefahren ist, um u.a. Lebensmittel für das Frühstück mitzubringen. Vorher gehen wir in den Issyk Kul baden, an dessen Ufer die Bungalowsiedlung liegt. Ich verseuche etwas den See, indem ich mal meine Socken ausspüle. Das Wasser ist nicht sehr kalt, und wir schwimmen ein Stück. Das Frühstück fangen wir schließlich ohne Marat an. Gegen 1200 h erscheint dieser dann - wir sind aber schon fast satt.
Nach dem Frühstück geht es mit dem Niva und dem Ural nach Karakol, um auf dem Basar Lebensmittel für den zentralen Tien Schan einzukaufen. Den Einkauf übernimmt Kolja, wobei wir während des Handelns kein Deutsch reden sollen, da das den Preis in die Höhe treiben würde. Irgendwann fahren wir im Ural zurück, während Marat mit Kolja und Shenja noch einige restliche Einkäufe tätigen will. Wir sitzen dann vor dem Bungalow, warten auf die anderen und unterhalten uns mit Wolodja, der nicht mit uns zum Khan Tengri kommen wird. Er war mal Flugzeugtechniker bei der Armee, und so wissen wir jetzt, daß sich die MiG 29 viel besser zum Alkoholschmuggeln eignet als die ältere MiG 21.
Da die drei aus Karakol nicht zurückkommen, machen wir mit Wolodja und Sergej selbst aus den vorhandenen Resten Abendbrot (Es ist genügend da). Danach gibt es noch ein paar Trinkrunden mit Wodka und Kognak vom Basar. Wir trinken auf die Berge, die (Berg)Freundschaft und den Frieden. Wolodja gibt noch einige zweifelhafte "östliche" Weisheiten über Frauen und Männer zum besten.
Gegen 2300h gehen wir schlafen, da wir schon um 300h wieder raus müssen. Der Weg zum Startplatz ist weit, und die Hubschrauber fliegen nur vormittags. Marat, Kolja und Shenja sind immer noch nicht da. Die Leute aus dem anderen Bungalow müssen durchs Fenster einsteigen, da Kolja den Schlüssel bei sich hat.
19.8.99
Kurz nach 300h stehen wir auf, und auch Kolja erscheint. Sie haben wohl am Vorabend in Karakol ein wenig gefeiert. Wir frühstücken die Reste vom Abendbrot und laden die Rucksäcke in den Ural. Dann fahren wir eine ziemlich lange Strecke, wobei wir zunächst an einem knapp 3800 m hohen Paß den Terski Alatau überschreiten. Danach geht es ins Tal von Sary Dshas und durch die Bergbausiedlung Inyltschek, die aber nur noch eine Geisterstadt ist. Kurz darauf sind wir auf dem Hubschrauberlandeplatz von Maida Adyr. Dort steht auch eine Mi 8 von "Kyrgystan Air", die noch startklar gemacht wird. Nach der Kontrolle der Papiere - wir reisen u.a. ins Grenzgebiet zu Kasachstan und vor allem zu China - geht es ans Einladen. Thomas findet endlich seine Bergstiefel wieder, die er im Ural ziemlich unruhig gesucht hatte. Wir alle sollen unsere Bergstiefel anziehen - oben auf dem Gletscher läge Schnee. Eine erstaunliche Nachricht ... Shenja sortiert die Eier aus, die auf der Fahrt zum Flugplatz Schaden genommen hatten. Dann steigen wir ein. Außer uns fliegen noch vier Tschechen mit.
Ich erwische einen Platz an einem der hinteren Fenster, das sich auch öffnen läßt. Das ist zum Fotografieren optimal. Allerdings soll ich auch aufpassen, daß sich die hintere Ladeklappe nicht öffnet (auf der ich fast draufsitze). Das Wetter ist mittelprächtig. Der Hubschrauber hat zwar keine Probleme damit, aber die Wolken hängen so tief, daß sie die Sicht auf die höheren Berge versperren.
Dann geht es los. Der Hubschrauber macht rollend eine Ehrenrunde und hebt nach einem kurzen Hupfer zum Gewichtstest endgültig ab. Zuerst geht es den Fluß, dann den Südlichen Inyltschek-Gletscher aufwärts. Der Merzbacher-See an der Einmündung des Nördlichen Inyltschek scheint ausgelaufen zu sein. Wir sehen die riesigen Eisberge, die offenbar auf Grund liegen. Wenig später setzt uns der Pilot mitten auf dem Gletscher ab und fliegt mit Tovo, Kolja und dem Gepäck zum Lager unter dem Pik Trjochglawyi (Triglav, Dreihaupt), unserem Hausberg. Wir laufen entlang von Spuren zu Fuß zum Lagerplatz auf der Moräne - deshalb sollten wir also unsere Bergstiefel anziehen! Am Ziel angekommen müssen wir unser Gepäck, das an zwei Stellen lagert, heranholen (u.a. den 30-kg-Kartoffelsack, Marats Eichentisch und zwei blaue Expeditionstonnen, die aber schon im Lager warteten). Ein Tscheche vermißt seine Isomatte und ich meinen Helm. Letzterer findet sich aber im Rucksackhaufen wieder an - die Matte erst ein paar Tage später. Wir bauen unsere Zelte am östlichen Ende des weitläufigen Lagerbereiches auf. Es liegen ein paar cm Schnee, die aber tauen. Überhaupt ist es trotz des bewölkten Himmels ziemlich warm. Das Lager ist durch einen schmalen Gletscher von einem losen Berghang getrennt. Das Poltern von dort wird von nun an zum Alltag gehören. Manchmal gehen in den Bächen dort Miniaturmuren ab, oder es bildet sich spontan ein neuer Wasserfall.
Das Küchenzelt steht schließlich auch, und es gibt erst mal Mittag: Brot, Wurst und Gemüse. Shenja entschuldigt sich für die kalte Küche und verspricht uns Borschtsch zum Abendbrot. Draußen ziehen ein paar dickere Wolken heran, und es tröpfelt etwas. Seine Majestät, der Khan Tengri ("Herr der Geister", 7010 m), läßt kurz seinen Gipfel sehen und verhüllt sich dann wieder. Gegen Abend bauen wir um unser Küchen- und Aufenthaltszelt einen Sockel aus Steinen. Es schneit nun zeitweise. Schon im Dunkeln essen wir Abendbrot. Tovo verschwindet bald aus dem Zelt - er hat nur Sandalen an. In der Nacht ist es von unten relativ kalt. Der Schnee unter dem Zelt sorgt für Kondensationsfeuchtigkeit, und die Ridge-Rest-Matte hat auch nur ein endliches Isolationsvermögen. Frost herrscht nachts sowieso.
20.8.99
Wir stehen um 730h auf - das Frühstück ist schon fertig. Dann packen wir etwas Tagesgepäck zusammen und ziehen bei schönstem sonnigen Wetter zum Pik Pesni Abaja (4901 m). Die Gehzeit zum Berg haben wir aber gründlich unterschätzt. Es ist zwar nicht allzu weit, aber der Weg erweist sich als recht kompliziert. Nachdem wir (die acht Khan-Tengri-Aspiranten - ohne Carol und Robert) das Lager der Länge nach durchquert haben, geht es zwischen Sternchen-Gletscher und der Mittelmoräne zum Inyltschek-Gletscher nach Westen/bergab. Wir müssen aber im Schutt immer mal wieder 20 m hoch und runter. Unterhalb der Einmündung des Sternchen-Gletschers entschließen wir uns, auf das Eis zu wechseln und den Eisstrom zu queren. Wir legen die Steigeisen an, und müssen gleich eine relativ steile Passage hochsteigen. Dann geht es über Eisgrate, steile Hänge und Wasserläufe auf dem sehr unebenen Gletscher, der einen Meer mit 10 m hohen Wellen gleicht. Verborgene Spalten scheint es auf dem aperen Gletscher hier nicht zu geben.
Das Begehen der großen Gletscher bannt, sobald man die Schuttzone hinter sich hat und das freie Eis betritt, das Auge des Betrachters an den Zauber seltsamer Erscheinungen, besonders Ablationserscheinungen, welche sich in höchst fremdartigen Formen äußern. In der dünnen, lichtdurchlässigen Luft bringt die ungeheure Strahlungsintensität und die wechselnde Neigung der Sonnenstrahlen gegen die Eisoberfläche, im Zusammenhange mit der dem Eise aufliegenden Fremdkörper - ... - Oberflächenformen der auffälligsten Art hervor, wie sie auf europäischen Gletschern teils gar nicht vorkommen, teils nur in verhältnismäßig schwächeren Erscheinungen. Es handelt sich neben Unmengen von Gletschertischen, um Reihen paralleler sägeförmiger Kämme, um Klippen der abenteuerlichsten Gestalt, um Täler, Gänge, Schluchten und Tunnels im Eise, an anderen Stellen um in tausendfache Wiederholung auftretende Pyramiden, Zelthöcker und vieles andere.
Nach dem Sternchen-Gletscher überqueren wir die Mittelmoräne zum Diki-(Wilden) Gletscher. Auf diesem relativ zahmen Eisstrom machen wir bei einer Geröllinsel Rast. Der Weg zum Pik Pesni Abaja scheint nicht mehr weit und schwer zu sein, aber es ist schon 1230h und somit zu spät für eine Besteigung. Wir müssen ja auch noch zurück, da wir keine Zelte mit haben. Die Aufstiegsroute können wir erkennen: Es geht die meiste Zeit über mäßig geneigtes Geröll hoch. Der Normalweg auf den Pik Pobjeda im Süden (7439 m, zweithöchster Berg der GUS) ist auch zu erkennen. Zwischen Diki-Paß und dem Pik Washa Pschawela (Pobjeda-Westgipfel, 6918 m) sehen wir sogar Spuren.
Dann entschließen wir uns zur Umkehr. Heimo, Axel und Gunther laufen vorneweg. Als wir wieder im Lagerbereich sind, erscheinen plötzlich Gunther und Axel neben uns auf dem Inyltschek-Gletscher. Sie sind wohl irgendwie vom Weg abgekommen, oder wollten nicht mehr über den Moränenschutt laufen. Jetzt müssen sie aber über die Randkluft. Axel springt über eine relativ breite Stelle - Gunther lotsen wir neben unseren Zelten über den Randbach, was relativ bequem geht. Heimo kommt eine halbe Stunde später über die Moräne - er war auf Nummer Sicher gegangen. Das Abendbrot ist auch fast fertig. Kurz vor dem Schlafengehen können wir noch den Khan Tengri im "Tien-Schan-Glühen" bewundern.

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