12.08.01 Lager "Alpingrad"

In der Nacht fängt es an zu regnen, und es gibt kräftige Windböen. Eine größere Regenpause gegen 10 Uhr nutzen wir zum Frühstücken. Es regnet in Schüben aber weiter, auch wenn die Pausen größer werden und schon mal die Sonne herauskommt. Neben der Wasserstelle liegt eine Isomatte, die wohl der Nachbargruppe beim morgendlichen Wind davongeflogen war. Überhaupt sieht ihr Lager ziemlich mitgenommen aus. Später kommen sie rüber und spendieren uns eine halbe Melone. Als sich das Wetter wieder verschlechtert gehen wir zu Skat oder anderen Beschäftigungen in den Zelten über. Zeitweise liegt das Lager im Nebel und gelegentlich donnert es auch. Im Prinzip hätten wir auch heute schon absteigen können, aber Walja ist etwas abergläubisch und will nicht am 13. eine Expedition beginnen. Am späteren Nachmittag wird das Wetter dann doch wieder schön.
13.08.01 Lager "Alpingrad"- Almaty
Das Wetter ist mal wieder unbeständig, und am frühen Morgen hat es auch noch kurz geregnet. Zum Frühstück ist es aber schön, so daß wir Tovos Geburtstag draußen feiern können. Dann packen wir unsere Sachen, denn für heute werden wir in Almaty zurückerwartet. Steffen zieht schon mal allein in Richtung Medeo los. Wenig später fängt es dann an zu grummeln, und von Westen her ziehen dunkle Wolken heran. Unsere Rucksäcke haben wir zum Glück schon gepackt. Als wir mit dem Abstieg beginnen, hat sich das Gewitter schon wieder verzogen - es regnet aber noch weiter. Erst unten, auf der Straße zur Glaziologenstation, hört es auf. Eigentlich sollten wir um 13 Uhr unten an der Seilbahnstation Schymbulak sein, aber es zögert sich bis 14 Uhr hinaus. Wir machen einige Fotopausen und Gunther filmt. Steffen sitzt schon unten an der Talstation der Seilbahn, und auch Walja ist da. Als alle unten sind fahren wir mit dem Kleinbus von Waleri, Marats Nachbarn, zurück nach Krasnij Wostok. Zuhause bei Marat sitzen schon zwei andere Thüringer, die vom Khan Tengri gekommen sind und morgen früh nach Hause fliegen wollen. Am Abend feiern wir dann Tovos Geburtstag noch etwas ausführlicher und verabschieden zwischendurch die beiden Thüringer. Tovo, Gunther und Stefan halten es sogar bis halb 6 Uhr am Morgen bei Whiskey und Wodka aus.
14.08.01 Almaty - Bajankol - Basislager
Um halb 8 Uhr werden wir zum Frühstück geweckt. Draußen steht schon ein Bus, den wir mit unseren Rucksäcken und der Basislagerausrüstung beladen. Marats Eichentisch aus dem Wohnzimmer muß auch wieder mit. Der Kleinbus vom Nachbarn wäre nun endgültig zu klein. Unsere drei Langfeierer sind inzwischen auch aufgestanden, aber vor allem Gunther hat noch ein paar Probleme mit der Realität. Der Motor wird schon angelassen, als wir alle noch mal unsere Dokumente kontrollieren. Gunther kann seinen Paß nicht finden, und so durchsuchen wir gemeinsam sein Gepäck und das Haus. In einem lichten Augenblick greift Gunther nach seinem Waschbeutel, den er fast im Bad vergessen hätte, und zieht seinen Paß heraus. Jetzt geht es los. Wir brauchen aber noch einige Zeit, um aus Almaty herauszukommen. Erst werden noch einige letzte Besorgungen gemacht (Funkgeräte, 12 Flaschen Wodka...), dann gefällt der Polizei das Reifenprofil des Busses nicht. Nach einem Drittel der Wegstrecke, kurz bevor es in höhere Regionen geht, machen wir Mittagsrast in Beiseit, einem Uigurendorf, und besorgen die restlichen frischen Lebensmittel auf dem Straßenbasar. Eigentlich wollten wir 15 Uhr in Bajankol am Hubschrauberstartplatz sein, aber wir kommen erst gegen 19 Uhr dort an. Es dauert eine Weile, bis uns die Grenzer durch das Tor im Zaun ins Grenzgebiet lassen. Unser Busfahrer hatte dafür eigentlich keine Genehmigung, da sie nicht schnell genug zu bekommen war. Wir fahren dann aber trotzdem weiter und halten an einer Basis des Armeesportklubs, etwa 1,5 km hinter der Grenzstation. Dort steht auch schon eine kirgisische Mi 17. Eigentlich ist es schon spät, und das Wetter ist erst seit kurzem besser geworden, aber Walja becirct den Chef, doch noch zu starten. Wer weiß, wie das Wetter morgen wird. Also laden wir unser Zeug in den Hubschrauber, der schnell startklar gemacht wird. Dann geht es los - mit ein paar zusätzlichen Passagieren vom Sportklub, die die Gelegenheit für einen kleinen Rundflug nutzen.
Dicht über Baumkronen hinweg und an Felswänden vorbei geht es das Bajankoltal aufwärts. Leider sind keine guten Fotobedingungen. Vor zwei Jahren konnten wir auch noch ein paar Fenster aufmachen. Kurz vor den Gletschern im Talschluß fliegen wir eine Runde und setzen auf einer eingeebneten Schuttfläche in 3200 m Höhe dicht am Fluß auf. Bei laufenden Rotoren und im Abgasstrom der Turbinen laden wir aus. Das leichte Gegenstände wie Isomatten im Rotorwind aufgewirbelt werden könnten, scheint keinen zu stören. Dann startet die Mi 17 wieder und es wird ruhiger (und die Luft wieder besser).
Mit uns am Lagerplatz (mehrere Zeltstellen, aber kein festes Lager) sind nur zwei Spanier. Diese wollten auch auf den Pik Marmorwand, haben es aber wegen des schlechten Wetters und des vielen Schnees nicht geschafft. Morgen wollen sie abreisen.
Während es langsam dunkel wird bauen wir das Lager mit Küchen- und Eßzelt auf. Da wir nicht alles schaffen, wird der Rest unter einer Plane verstaut. Dann gibt es Abendbrot mit kaltem Hühnchen (schon aus Almaty mitgebracht).
15.08.01 Basislager - Lager 1 - Chinapaß - Basislager
Am Morgen ist es immer noch bedeckt, aber zeitweise kommt etwas die Sonne durch. Zumindest ist erkennbar, daß das Lager ab 930 Uhr theoretisch in der Sonne liegt. Wir waren kurz nach 8 Uhr aufgestanden und verabschieden die beiden Spanier, die ihr Gepäck mit Pferdehilfe zu Tal befördern. Sie nehmen auch ein paar Postkarten von uns mit, die die Heimat über Spanien bestimmt schneller als von Kasachstan aus erreichen. Gegen 10 Uhr starten wir in Richtung Chinesischer Paß. Der Weg dorthin ist durch Steinmänner relativ gut markiert, auch wenn es anfangs in der Moräne mehrere Möglichkeiten zur Auswahl gibt. Später wird es teilweise ein richtig gut begehbarer Pfad.
Nach ca. drei Stunden finden wir den ersten Lagerplatz der Spanier in 3800 m Höhe. Es ist der letzte gute Platz vor dem Paß und liegt neben Bergwiesen direkt an einem Bach. 50 Höhenmeter weiter oben gibt es noch einen größeren Platz auf der Moräne, der aber nicht so geschützt liegt. Wir bauen unsere Zelte auf dem ersten Platz auf und hinterlassen unsere Ausrüstung - vor allem Lebensmittel. Dann machen wir ohne Rucksack noch einen Ausflug zum Chinesischen Paß.
Nach etwa 45 Minuten sind wir oben auf etwa 4000 m. Hier haben wir den Kamm der im wesentlichen in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Meridionalkette erreicht, die hier auch die kasachisch/chinesische Grenze darstellt. Über diese Kette verläuft auch der Normalweg auf den Pik Marmorwand (6400 m).
Zu sehen ist aber wegen Wolken/Nebel nicht viel. Zur chinesischen Seite zieht sich ein Gletscher herab, wogegen unser Aufstieg von Westen her schnee- und eisfrei ist. Der weitere Anstieg zum Pik Uslowaja auf dem Weg zum Pik Marmorwand ist teilweise schneebedeckt. Es gibt auch die Möglichkeit, hier zu zelten, aber es dürfte eine etwas windige Ecke sein.
Wir vergnügen uns noch etwas im Schnee auf dem chinesischen Gletscher, bevor Stefan, Steffen und ich wieder absteigen. Die anderen erkunden noch etwas den Grat in Richtung Pik Krugosor (Gegenrichtung zum Pik Uslowaja). Wir rasten in unserem neuen Lager 1 und beobachten unsere Leute oben auf dem Grat, soweit es der Nebel zuläßt. Nach einer halben Tafel Schokolade steigen wir aber weiter ins Basislager ab. Im Nebel haben wir teilweise nur 50 - 100 m Sichtweite, aber die Markierungen sind relativ zuverlässig. Verlaufen kann man sich ansonsten auf dem breiten Moränenband zwischen Berghang und Steilabfall der Moräne zum Fluß runter auch nur schwer.
Gegen 17 Uhr sind wir wieder in unserem Hauptlager. Walja ist etwas in Aufregung wegen des noch nicht fertigen Abendbrotes, das wir 20 Uhr bestellt hatten. Aber die anderen sind ja auch noch nicht da. Wenig später kommt Gunther, kurz nachdem es angefangen hatte zu regnen. Walja ruft zwischen den Zelten zum Essen, obwohl alle (vier) Anwesenden schon im Eßzelt sitzen. Es dauert aber nicht lange, bis alle wieder im Lager sind.
Nach dem Abendbrot spielen wir bei Kerzenlicht noch eine Weile Karten. Draußen regnet es leicht, und als wir gegen 2230 Uhr zu den Zelten wollen, ist es schon so dunkel, daß wir uns nur hintasten können. Im Zelt, wo Gunther und ich schlafen, kann ich meine Stirnlampe bergen. Damit können dann auch die anderen zu ihren weiter entfernteren Zelten finden.
16.08.01 Basislager
Es hat die ganze Nacht mehr oder weniger stark geregnet. Eigentlich wollten wir um 8 Uhr aufstehen - es sei denn, das Wetter ist schlecht. So ist es dann auch. Um 930 Uhr muß ich aber mal raus. Draußen ist es noch ruhig - nur Walja bemüht sich gerade, eine große Plane über das Eßzelt zu spannen. Ich helfe ihr dabei, bis auch die anderen aus ihren Zelten kommen und wir frühstücken können. Mit dem neuen überdach ist die Bodenplane trockener, da weniger Wasser hereinlaufen kann. Da es den ganzen Tag weiterregnet, schwärmen wir heute nicht aus, und das Leben spielt sich überwiegend im Eßzelt ab. Wir spielen Karten, und ich habe Gelegenheit, das Tagebuch zu aktualisieren. Der Fluß, an dem das Basislager liegt, schwillt zwar etwas an, ist aber keine Gefahr. Nur Walja hat Angst um das Fleisch, das sie zur Kühlung im Wasser gelagert hat. Erst am späten Abend läßt der Regen nach und hört dann ganz auf.
17.08.01 Basislager - Lager 1
Das Wetter ist heute Morgen zwar nicht überwältigend, aber trocken bei relativ guter Sicht. Die 5000er-Gipfel der südlich von uns gelegenen Sary-Dshas-Kette stecken aber immer noch in den Wolken. Beim Frühstücken und beim Rucksackpacken lassen wir uns viel Zeit. Kurz nach 1130 Uhr gehen wir los zum Lager 1. Ein Hubschrauber fliegt das Bajankol-Tal hoch und versucht wohl, zum Nördlichen Inylchek-Gletscher zu kommen. Er verschwindet in den Wolken. Bei unserem Aufstieg begleitet uns heute Walja. Sie ist ziemlich fit. Nachdem wir in etwa 2,5 Stunden das Lager 1 erreicht haben, läuft sie weiter über den Chinesischen Paß in Richtung Pik Uslowaja, wo sie in 4300 m Höhe einen Platz für unser Lager 2 entdeckt. Als sie gegen 1630 Uhr wieder da ist, haben Heike, Jana, Heimo und Tovo noch einen Ausflug zum Pik Krugosor ("Pik Rundblick") begonnen. Im Lager trinken wir noch etwas Tee mit Walja, die nur ungern wieder absteigt. Sie erklärt uns noch das Sprechfunkgerät, mit dem wir sie in den nächsten Tagen auf dem laufenden halten werden. Funkzeit ist in der Regel 8 Uhr - morgens und abends. Später zieht Nebel auf, der unseren Ausflüglern etwas die Rückkehr erschwert. Sie sind aber kurz vor 20 Uhr wieder da, so daß Stefan das O.K. ins Basislager funken kann. Mit dem Abendbrot sind wir schon fertig, was gut ist, da es zu regnen anfängt.
18.08.01 Lager 1 - Lager 2
In der Nacht hat es mal kurz geschneit bzw. gegraupelt, aber am Morgen ist es trocken, wenn auch bewölkt. Weiter oben ist der Neuschnee liegengeblieben. Wir wollen heute weiter aufsteigen, und auf der von Walja empfohlenen Gratschulter oberhalb des Chinesischen Passes unser zweites Lager aufbauen. Wir nehmen vier Zelte mit hoch; der Rest bleibt im Lager 1 stehen. Ich hatte zwar am Morgen etwas Kopfschmerzen, entschließe mich aber mitzumachen. Gunther geht als erster los, dann folgen Steffen und ich. Trotz der schweren Rucksäcke kommen wir ganz gut voran. Am Paß machen wir eine kurze Rast, dann geht es den Grat zum Plateau hoch. Der Untergrund besteht aus relativ feinkörnigem Geröll, das teilweise noch vom Schnee der letzten Nacht bedeckt ist. Bis nach oben sind es am Grat drei Aufschwünge, die aber immer kürzer werden. Insgesamt brauchen wir knapp drei Stunden vom Lager 1 aus bis zum Plateau. Hier oben finden wir auch die Lagerreste der beiden Spanier: ein kaputtes Zelt ohne Außenhülle, etwas Benzin und Markierungsfähnchen. Letztere könnten auch uns nützlich werden. Es war uns nicht gelungen, selbst welche aufzutreiben. Stefan und Tovo steigen noch mal zum Paß runter, um die restliche, dort deponierte Ausrüstung zu holen. Der Rest kocht Tee und wärmt sich in der Sonne. Dann machen Heimo und etwas später die beiden Mädels noch einen Ausflug in Richtung Pik Uslowaja. Mir geht es, wahrscheinlich bedingt durch Anstrengung in der noch ungewohnten Höhe, nicht so gut. Ich laufe eine Weile im Lager herum, um den Kreislauf obenzuhalten. Später normalisiert sich mein Befinden wieder. Nach dem Abendbrot ziehen wir uns relativ schnell in die Zelte zurück, denn es fängt an zu gewittern. Unsere Ausflügler waren schon rechtzeitig wieder zurückgekommen. Unsere etwas ausgesetzte Position auf dem Grat ist nicht ganz unkritisch und einigen Leuten sträuben sich die Haare. Aber das Gewitter streift uns nur und verzieht sich nach China.
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